2020-02 Jürgen Heinz


Eindrücke der Ausstellung von Jürgen Heinz:


Handschlag von Werk und Urheber

Moving Sculptures von Jürgen Heinz in der Galerie „la petite“ zu sehen

Von Ulla Hess

Heppenheim/Kreis Bergstraße/Region. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Bei Dr. Roland Held greift die Redewendung: Ein Portrait des Stahl-Künstlers Jürgen Heinz in dessen noch druckfrischen, über 100 Seiten umfassenden Werkkatalog hat bei dem Kunstkritiker aus Darmstadt einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Was sieht der Betrachter? „Einen Handschlag von Werk und Urheber, der einen entscheidenden Moment fixiert“, befand Held in seiner viel beachteten Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung am Sonntagnachmittag in der Galerie „la petite“ in der Heppenheimer Altstadt. Und schiebt die Detail-Erläuterung in nahezu gleichem Atemzug nach: Das „quasi noch stillgestellte“ Werk – die Aufnahme zeigt den Künstler mit seiner Plastik „Two Tone II“ – werde seiner ästhetischen Bestimmung übergeben. Just in dem Moment, als sein Schöpfer es loslässt, ja es freigibt, so könnte man es auch formulieren.

Einzig diese Betrachtungsweise ließ die zur Vernissage zahlreich erschienenen Kunstfreunde aufhorchen. Die gute Resonanz freute auch die Galeristen Anuschka Göttmann-Eich und Dirk Eich, die das Erdgeschoss des altehrwürdigen Fachwerkhauses, nur einen Steinwurf vom Marktplatz entfernt und in der Denkmaltopographie des Landes Hessen gelistet, in ein wahres Schatzkästlein verwandelt haben. In der kleinsten Galerie Deutschlands wird seit Eröffnung im Dezember im Vier-Wochen-Rhythmus Künstlern die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen. Bis zum 6. März nun also die „Moving Sculptures“ von Jürgen Heinz, die – so Laudator Dr. Roland Held – „stark mit Bewegung zu tun haben“. Wie es der Name schon verrät.

Dialog als Lesart

Die hervorgerufene Faszination seiner Stahl-Kunst rühre aber nicht ausschließlich von dem Schwingen, Pendeln oder Federn, ausgelöst durch eine behutsam-zarte Berührung. Die Lesart des Ausnahmekünstlers mit Alleinstellungsmerkmal ist viel weiter gegriffen: Dialektik und Dialog stehen als weitere Schlagworte im Fokus der bewegten und bewegenden Stahl-Plastiken. Zu Letzterem – der Interaktion zwischen Mensch und Objekt – äußert sich Jürgen Heinz zitierfähig selbst: „Man muss es berühren, damit etwas zurückkommt.“ Wie wahr! Davon lebt seine Kunst im Allgemeinen, seine Moving Sculptures im Besonderen. Auf die – bewusst einen Spannungsbogen bildend – vermeintlichen Gegensätzen seiner Plastiken wie Schwere und Leichtigkeit, Stummheit und Klang oder auch Gebundensein und Freiheit wurde bereits vielfach in Beiträgen und Publikationen hingewiesen. Ein Charakteristikum von unschätzbarem Wert. Ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt.

„Wenn die Menschen am Schmiedefeuer sind, dann passiert was mit denen“: Jürgen Heinz bemüht nur allzu gerne den Vergleich mit einer brodelnden Vulkaninsel. Ein tolles Gefühl sei es, „das löst was in dir aus“. Nicht anders sieht es Roland Held, der sich bei einem Atelier-Besuch in Lorsch nicht nur beeindruckt zeigte von dessen umfangreichem Apparate-Park. u.a. Amboss, Lufthammer und Werkzeugbank zugehörig, sondern zuvorderst von der „mit Steinkohle auf Betriebstemperatur beheizten Esse“. Das können bis zu 1100 Grad sein, die den Stahl zum Glühen bringen. Womit wir beim Archaischen wären, das Jürgen Heinz um- und antreibt. Beileibe ist er nicht der Erste, dem es so ergeht, wies der Kunstkritiker auf „die mächtige, magische Rolle des Schmieds in Mythen und Sagen“ hin, um die der Künstler wisse.

Das – Zitat Held – „reduzierte Formvokabular“ rücke seine Plastiken „in die Nähe“ der Konkreten Kunst, die nicht die sichtbare Welt abbilden möchte: „Eine Kunst, die nur sich selbst bedeutet.“  Daher kommen den Farben (in der Malerei), Formen, der Linie und erweitert auch den Materialien eine besondere Bedeutung zu. Bei Jürgen Heinz ist das so. Dem Betrachter fällt sofort die Geradlinigkeit seiner Werke ins Auge, dessen dominanten Grundgegebenheiten Rechtecke, Quader, Zylinder oder der Kreis ist, seltenst aber – allenfalls einmal zurückhaltend und bewusst akzentuierend eingestreut – verspielte Elemente. Einen Schnörkel zu viel wird man vergebens in den Schaffensepochen des gebürtigen Bensheimers suchen. Und das ist auch gut so, ja überaus wohltuend.

Puristisch, aber voller Sinnlichkeit

Wenn wir schon bei der Einordnung seiner Kunst sind: Mit den Moving Sculptures hat Heinz einen Meilenstein in seinem Genre gesetzt, etwas in dieser Form noch nie Dagewesenes, dass die Bezeichnung Neue Konkrete Kunst zutreffender erscheinen lässt. Begründet ist dies auch in der künstlerischen Freiheit, die sich der Metallbildhauer nimmt. An einen Ausspruch des gebürtigen Schweizers Max Bill anknüpfend, der als bildender Künstler ebenso wie als Designer und Architekt Karriere machte, konstatierte Roland Held, dass der Stahl-Künstler „Gegenstände für den sinnlichen, seelischen und geistigen ,Gebrauch‘ kreiert. Auch wenn seine Werke beim ersten Anblick zumeist minimalistisch, ja geradezu reduziert wirken, komme für Jürgen Heinz „Purismus ohne Sinnlichkeit nicht infrage“. „Meine Arbeiten haben eine Seele“, sagt er denn auch selbst.

Seinen Niederschlag findet dies – handwerklich betrachtet – unter anderem in der facettenreichen Gestaltung der Oberfläche – eben gerade nicht „fanatisch der reinen Lehre folgend“, betonte Kunstexperte Held in seiner fachlich-versierten und doch kurzweilig gehaltenen Einführung. Die ausgestellten Werken in der „la petite galerie“ legen beredtes Zeugnis davon ab: Mal ist der Stahl gerostet wie bei der Plastik „Freundschaft II“, dann wieder changierend – bestes Beispiel „In One Another“ -, mal tief Schwarz, dann wiederum in einem satten dunklen Anthrazit eingetaucht à la „Runner“ und „Curious“. Glänzend geht auch, wie uns die geschwungene Plastik „Federleicht“ lehrt, ebenso der „Flügelschlag“ (Federstahl). Die Bewegung aus der vermeintlichen Starre heraus hin zu einer nahezu fast unwirklich erscheinenden Wandlung ist das eine, für den geneigten Kunstbeflissenen zumindest bisweilen überraschend, die daraus wie scheinbar aus dem Nichts entstehenden Schattenrisse das andere. Bei der Ausstellungseröffnung waren die Silhouetten, Umrisse und Profile, die die Plastiken erzeugen, geraten sie erst einmal in Regung, eindrucksvoll an den Galerie-Wänden zu beobachten. Gepaart mit einem Tonstück, bei der Arbeit im Atelier in Lorsch als inspirierende Note erschallend, machen die Stahl-Kunstwerke voller Anmut und Noblesse vollends vollkommen.